Wie die Tiere meine Kunst bestimmen
Ein Essay von Katharina Rücker-Weininger

Tiere als Thema für seine Kunst zu wählen ist nichts Neues. Schon unsere Urahnen haben ihre steinzeitlichen Höhlen mit magisch schönen Tierdarstellungen geschmückt. Tiere waren immer ein Thema in der Malerei und werden es sicherlich auch immer bleiben. Nur der Blickwinkel - nicht nur der Künstler, auch ganz allgemein der Gesellschaft - auf die Tiere hat sich verändert. Vom begehrten Beuteobjekt oder Jagdgefährten zur Überlebenssicherung wurden sie zu beseelten, vielgeliebten Wesen, oft haben Katzen, Hunde und Pferde heute den Stellenwert echter Freunde und ersetzen manchmal sogar Kinder und Familie. Dieses Verhältnis zwischen Mensch und Tier auszuloten, das ist mein künstlerisches Lebensthema geworden. Jedes Wesen, Mensch oder Haus-, Nutz- bzw. Wildtier ist für mich unendlich faszinierend, jedes ist kostbar, jedes ein Wunder.

Franz Marc hat Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts seine Faszination für unsere Mitgeschöpfe bewegend in Worte gefasst, als die Idee den Tieren Gefühle oder gar eine Seele zuzusprechen noch ziemlich fremd und eigentlich ganz lächerlich war. Er hat in einem seiner Aufsätze geschrieben: "Ich suche mich einzufühlen in das Zittern und Rinnen des Blutes der Natur, in den Bäumen, in den Tieren, in der Luft (...) Wie sieht ein Pferd die Welt oder ein Adler, ein Reh oder ein Hund? Wie armselig, seelenlos ist unsere Konvention, Tiere in eine Landschaft zu versetzen, die unseren Augen zugehört, statt uns in die Seele des Tieres zu versenken, um dessen Bilderkreis zu erraten?"

Das ist ein ganz wunderbarer Gedanke. Geht man nun noch einen Schritt weiter, oder auch zurück, je nach Blickwinkel, dann ist man bei einer ganz anderen Anforderung angelangt, da geht es nicht mehr nur um ein beliebiges Exemplar, um ein Pferd, einen Adler, ein Reh oder einen Hund, sondern um Einzelschicksale.

Und genau das hat mich seit frühester Jugend fasziniert. Mich so weit als möglich in ein Mitgeschöpf hineinzuversetzen, versuchen, es in seiner ganzen Einzigartigkeit zu erspüren und diese Essenz dann zu malen. So wie es ist, nicht als Ideal einer Gattung, sondern als etwas ganz unerhört Wunderbares und Einzigartiges, das in all seiner Schönheit und Hässlichkeit gezeigt werden muss. Jede Narbe, jeder „Fehler“, jede Abweichung von der Norm unterstreicht die Persönlichkeit und hilft mir mich so nahe als möglich an mein Modell heranzutasten.

Meine Bilder und Illustrationen male ich ausschließlich mit Aquarellfarben. Eine – wie jeder Kenner weiß – gerade für die Portraitmalerei höchst schwierige Technik. Jeder Pinselstrich ist und bleibt sichtbar, es gibt keine Möglichkeit der Korrektur und zu alledem muss man die fertige Bildkomposition von Anfang an im Kopf haben. Eine aufregende Art zu arbeiten! Für mich die Schönste...

Aber noch viel wichtiger als die genaue Wiedergabe des Äußerlichen ist es den Charakter des Tieres zu erfühlen und glaubhaft wiederzugeben. Um solch ein Bild zu malen, muss man die Mauern, die man als Erwachsener normalerweise im Laufe seines Lebens als Schutz um sich herum errichtet hat, absenken. Man muss sie einreißen und mit seinem Innersten fühlen. In Resonanz treten mit dem Gegenüber. Denn nur so kann man instinktiv all das erfassen, was sonst von Konventionen und erlerntem Wissen überlagert ist.

Dass dies nicht immer einfach ist, kann man sofort verstehen, wenn wir von den geliebten Haustieren nun zu den Nutztieren kommen. Auch sie sind ein oft gewähltes Thema in meiner Kunst. Denken Sie an eine alte Milchkuh in konventioneller Landwirtschaft, in sie hinein zu fühlen, das hinterlässt Spuren in der Seele. Trotz allem Mitgefühl versuche ich aber immer fair in meinen Einschätzungen zu bleiben, nicht zu werten und beide oder besser alle Seiten zu verstehen. Es gibt ja nicht nur schwarz und weiß, dazwischen liegen so viele Zwischentöne.

Vor einigen Monaten habe ich ein paar Zeilen über ein Gespräch mit einer Milchbäuerin aufgeschrieben, die das vielleicht etwas verdeutlichen können:

Die Sonne steigt am Firmament, der Tag ist heiß, als wär’ es Mittag schon. Doch Frösteln schauert mich trotz sommerlauer Wärme.
Von fünfzig Kälbern stehen sechs nur hier im Licht.
Die andren hört man dort im Stall, die Fenster dunkel von Äonen voller Fliegen.
Die Bäurin deutet mit dem Kinn hinüber zu der düstren Tür.
Mit kargen Worten zeichnet sie ein Meer von Leid und weiß es scheinbar selber nicht zu deuten.
Ein starres Lächeln im Gesicht hör ich ihr zu. Würd ich die Miene jetzt verändern, kämen Tränen.
In Kisten steh’n die Glücklicher’n vor mir, vier sind für sich, die Kleinsten tat sie
enggedrängt in eine. Aus Plastikflaschen trinken sie die Milch, die sonst aus
warmen Zitzen flöße. Das weiße Nass rinnt aus den Winkeln ihrer kleinen Mäuler.
Es mache Mühe sie zu lehren wie man trinkt, sagt sie mit ihren harten, kargen Worten.
Und Mühe machen auch die dummen Mütter, derweil sie schrei’n und lang nicht Ruhe geben.
Wo sie’s doch wissen müssten nach den langen Jahren.
Was? Frag ich und will nicht hören was nun kommt. Sie nimmt den Kühen ihre
Kinder, sagt sie und scheint das Grauen hinter diesen Worten nicht zu spüren.
Wie kannst Du! Frage ich ganz still in mir und sag doch nichts, denn weiter spricht schon sie.
Die Schwächer’n gibt sie hier ins Licht, die andern in die Dunkelheit des Stalls.
Ganz hinten, dort, wohin kein Schimmer von der gleißend hellen Sonne dringt.
Es sind so viele, klagt sie streng, die machen soviel Mühe. Oft kränkeln sie und
bleiben klein und schwach. Das sei nicht gut, die Metzger nehmen nur die Starken.
Sie nimmt den Müttern nach der Wehen Qual den Lohn und klagt von langen
Nächten ohne Ruh. Die guten Kühe schrei’n nur eine Nacht, meint sie, doch
manche hör’n nicht auf und klagen lange noch.  Auch weinten sie, wenn man das Kälbchen ihnen nimmt.
Und staunend schüttelt sie das graue Haupt. Ein Wunder sei das schon, ein Tier das weint.
Und plötzlich huscht Gefühl quer über ihre harten Züge.
Das schwächste Kälbchen schwankt. Es senkt den Kopf, gestützt wird’s nur noch von des ander’n Schulter.
Die Bäurin nimmt mit knorrig brauner Hand den Kopf des Kleinen.
Den Daumen schiebt sie zwischen seine zarten Lippen und steckt ihm mit der
andern Hand die Flasche in das rosa Kindermaul.
Krepieren wird es in der Sommersonne, weil es nicht säuft, das dumme Tier.
Das Kälbchen nennt sie ohne Scheu bei seinem Namen. Erschüttert starre ich die Bäurin an.
Wie kann das sein? Wie kann sie solchen Taten Namen geben?
Da seh’ ich sie, die Zärtlichkeit, die hinter ihren dürren Worten, harten Gesten steckt.
Sie liebt die Tiere auf ganz eig’ne Art. Das ist nicht einfach, sondern unbequem verworren.
Ich schau sie an und merk mir ihr Gesicht. Sie tut, was wir von ihr verlangen.

Ein schwieriges Thema, das jeder für sich bedenken muss. Mir ist eine Kuh genauso wert wie ein Hund. Schaut man ein bisschen näher hin, dann zeigt ein Schwein unter Schweinen – soweit man es ihm zugesteht – ebenso Individualität und liebenswerte Schrullen. Ich bin glücklich über die Bauern, die sich dem Biogedanken verpflichtet fühlen und ihre Tiere so artgerecht als möglich aufwachsen lassen. Die male ich sehr gerne.

Kommen wir zu den Wildtieren. Singvögel, Rabenvögel, Raubvögel. Nieder- und Hochwild, Raubtiere. Faszinierende Geschöpfe von wilder Schönheit. Seit ich vor nun schon 20 Jahren für unsere Weimaranerhündin Eibe die Jägerprüfung gemacht habe, um sie dann mit Erfolg zur VJP zu führen, sind Jagd und Wild ein Teil meines Lebens. Tatsächlich ausüben kann ich die Jagd nicht, ein Tier zu töten liegt mir nicht. Aber ich weiß, dass es viele Jäger gibt, die weitab vom landläufig kolportierten Trophäenwahn echte Heger und Pfleger sind und diesen gilt meine Achtung. Ganz ehrlich bin ich sogar der Meinung, dass kein Fleischkonsum so unbedenklich ist, wie der von Wild, erlegt in freier Natur. Diese Tiere führen ein wildes, freies, artgerechtes, selbst bestimmtes, urtümliches Leben, bis sie unerwartet der Tod ereilt. Nutztiere - selbst in vorbildlichster Biohaltung – können dies nicht. Auch wenn das eigentlich zu weit von meinem eigentlichen Thema, der Malerei, wegführte, war es mir doch wichtig über all dies zu sprechen, um zu verdeutlichen, weshalb ich, als begeisterte Verfechterin von artgerechter Haltung und Tierschutz so gerne Wildtiere und auch hin und wieder Jagdmotive male.

Und nun noch ein etwas heikles Thema: Ja, ich male Tiere. Nein, ich bin keine Tiermalerin. Streng genommen schon, nur frage ich mich und Sie, weshalb man als Künstler, der Tiere malt, in ein Genreschublädchen, noch dazu in ein nicht allzu geräumiges, gepresst wird? Ist ein Künstler, der – fasziniert von Schienen und Loks – Eisenbahnen malt, nur ein Bahnmaler? Wurde Picasso in seiner blauen Periode Blaumaler genannt? Ich glaube nicht. Aber man heißt Landschaftsmaler, Tiermaler, Portraitmaler. Als ob der, der sich diesen Themen widmet, doch ein bisschen anders ist als diejenigen, die sich einfach nur Künstler oder Maler nennen dürfen. Bringt uns die Beherrschung der Perspektive, das geschulte Auge für Ausdruck und Bewegung, das Spiel mit Licht und Schatten, das Messen an der Natur in eine Zwischenwelt? Sind unsere Bilder nicht Fisch noch Fleisch, nicht nur Handwerk allein, aber auch noch nicht „richtige“ Kunst, dass man sie extra einordnend benennen muss?

Sei es drum, ich male was ich sehe und fühle. Wunderschön ist es natürlich für mich, wenn sich Menschen von meinen Bildern so angesprochen fühlen, dass sie sie mit sich nach Hause tragen. Oder mich beauftragen ihre Tiere zu malen und deren Wesen und ihr Verhältnis zu ihnen in einem Bild sichtbar zu machen. Denn jedes neue Bild ist ein weiteres Abenteuer, das es zu bestehen gilt, jedes Einlassen auf ein Mitgeschöpf, egal ob Mensch oder Tier, ist eine neue Herausforderung. Und mit jedem Bild erweitert sich mein Blickwinkel auf die unendliche Vielfalt an Charakteren und Individuen auf unserem schönen Planeten. Dafür bin ich dankbar.

© by Katharina Rücker-Weininger, D-86925 Fuchstal, ++49(0)8243.961292, www.ruecker-art.de